Weder Google noch Facebook: Die wertvollste Firma wird ein Versicherungsunternehmen sein

Die Menschheit steht am Rande einer Datenrevolution. Geräte, die mit dem Internet verbunden sind, messen jeden Bereich unseres Lebens. Das wird unser Bewusstsein für Daten erhöhen und die Bereitschaft, diese Informationen mit Unternehmen wie Facebook oder Google zu teilen, wird dadurch fallen. Neutrale Plattformen sind gefragt. Wenn Versicherer das Vertrauen ihrer Kunden gewinnen, werden sie in Zukunft über die wichtigsten Risiken ihrer Kunden informiert. Sie können ein wichtiger Lebensgefährte werden.

Der Mensch hatte nie einen schnelleren Alltag und eine schnelllebigere Umwelt als heute. Alles wird ständig effizienter. Deswegen wird eine Kennzahl für Unternehmen immer wichtiger: Wieviel Zeit ist ein Kunde bereit uns zu geben? Eine Sache wird sich allerdings ganz sicher nicht ändern: die Anzahl der Stunden an einem Tag. In unserer von Informationen überfluteten Welt, wird der Kampf um die Aufmerksamkeit des Kunden für alle Unternehmen und Branchen immer wichtiger.

Laut einer Studie von Flurry, einem Analyse-Unternehmen, verbringen die US-Konsumenten nun etwa fünf Stunden am Tag auf mobilen Geräten. 19 Prozent der Zeit wird für Facebook verwendet, 15 Prozent für Musik- und Unterhaltungs-Apps, 12 Prozent für sogenannte Messaging-Apps und 11 Prozent für Gaming-Apps. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die Finanzdienstleistungen – insbesondere Versicherungen – im Alltag des Verbrauchers keine Rolle spielen. Der Grund dafür ist offensichtlich: Die Wahl eines Versicherungsprodukts erfolgt einmal, danach wollen die Leute nichts mehr damit zu tun haben. Das wird sich in den nächsten Jahren aber dramatisch ändern.

Wir sind derzeit am Ende der ersten Datenrevolution. Diese wurde durch die Erfindung des Internets geprägt. Mit dem Ergebnis, dass die fünf wertvollsten Unternehmen der Welt alle Tech-Unternehmen sind: Apple, Google, Microsoft, Amazon und Facebook – diese Unternehmen regieren die Welt. Sie haben es geschafft, das Internet genial zu nutzen und an Verbraucherdaten zu kommen, um anschließend Wege zu finden diese zu monetarisieren. Die Verbraucher haben diesen Firmen gesagt, wo sie hin wollen, was sie mögen und für was sie Geld ausgeben, etc.

Es gibt jedoch immer mehr Zeichen die darauf hindeuten, dass die erste Datenrevolution gerade zu Ende geht und unsere Welt wieder massive Veränderungen durchmachen wird – die Konsequenzen werden diesmal allerdings größer sein als die Erfindung des Internets: Wir rollen in Richtung der zweiten Datenrevolution.

Fehlendes Bewusstsein für Daten

Bis 2020 werden mehr als 50 Milliarden Geräte mit dem Internet verbunden sein. Diese Geräte messen jeden Bereich unseres Lebens. Sie werden messen, was um uns herum passiert, aber auch was in unserem Körper geschieht. In nur wenigen Jahren wird es ganz normal sein, dass ein invasiver Chip nach der Geburt in ein Neugeborenes „eingepflanzt“ wird – und nicht weil eine dunkle Macht es will, sondern weil die Eltern sicherstellen wollen, dass das Kind nicht am plötzlichen Kindstod sterben wird. Die größte Frage der nächsten Dekade wird sein: Mit welchem Unternehmen, welchem Institut oder welchem Datenpartner verbinde ich mein Neugeborenes? Vertraue ich Daten-Haien wie Facebook oder Google? Der Wendepunkt wird bald kommen, an dem Menschen nicht mehr bereit sind, ihre sensiblen Daten mit diesen Unternehmen zu teilen.

Die Basis der zweiten Datenrevolution ist das mangelnde Bewusstsein für geteilte Informationen. Unternehmen, die Zugang zu Daten haben, über die sich der Kunde selbst nicht bewusst ist, können dieses Wissen nutzen, um strategische Entscheidungen zu treffen, die die Entwicklung der Menschheit negativ beeinträchtigen könnten.

Infolge der massiven Zunahme digital vernetzter Geräte und der zunehmenden Sichtbarkeit der sozioökonomischen Konsequenzen, wird dieses Bewusstsein weltweit wachsen und zum Bedarf eines unabhängigen, globalen „Daten-Schiedsrichters“ führen – einer Art „UN für Daten“. Jeder wird seine Geräte mit dieser Plattform verbinden und sein eigenes Datenprofil abrufen. Im Gegensatz zur ersten Datenrevolution werden diese Daten jedoch nicht im Besitz eines privaten Unternehmens sein – nein: sie werden dem einzelnen Menschen gehören und können auf Verlangen unwiderruflich gelöscht werden. Die globale „UN für Daten“ basiert auf einer dezentralen Technologie und einer dezentralisierten Organisationsform, damit diese sensiblen privaten Daten niemals in die falschen Hände geraten.

Sensoren erfassen das komplette Leben eines Individuums

Die Rolle von Unternehmen wird sich nachhaltig ändern. Anstatt im Besitz von Kundendaten zu sein, werden sie nur über relevante Statusänderungen im Leben ihrer Kunden informiert. Zum Beispiel zeigen Sensoren, dass der Kunde derzeit auf einer Ski-Piste steht. Die Versicherungsgesellschaft wird darüber informiert, weiß aber nicht, um welches Skigebiet es sich genau handelt. Die Versicherungsgesellschaft kann dann in Echtzeit reagieren und den Tarif des Kunden anpassen. Der Kunde kann verschiedene relevante Daten an das Unternehmen freigeben und wenn er mit dem angebotene Service des Unternehmens nicht zufrieden ist, wird die Datenversorgung einfach abgebrochen.

Für Versicherer bedeutet das, sie bekommen Statusänderungen in den relevantesten Risikokategorien: Genetik / Gesundheit, Verhalten und Vermögen – alles in Echtzeit. Risikomodelle basieren nicht mehr auf einer begrenzten Anzahl von Variablen, sondern auf einer unbegrenzten Anzahl – die über Sensoren im Körper und im Leben des Kunden gesammelt werden. Risiken werden in Echtzeit beurteilt. Versicherung, als Produkt, entwickelt sich zu einer Art Lebens-Coaching für den Verbraucher. In Zukunft werden die Entscheidungen der Menschen nicht mehr von Bauchgefühl beeinflusst oder durch eigene Erfahrungen getroffen, sondern auf der Grundlage des tatsächlichen Risikos.

Darüber hinaus wird sich ein weiterer massiver Trend entwickeln: Die Lebensdauer der Menschen wird sich deutlich verlängern. Der renommierte Wissenschaftler Aubrey de Grey ist der Kern einer wachsenden Bewegung von Wissenschaftlern, die davon überzeugt sind, dass der erste Mensch, der über 1000 Jahre alt wird, bereits geboren wurde. Das erhöht die Bedeutung täglicher Entscheidungen enorm, da die Folgen von riskanten Entscheidungen nicht mehr für mehrere Jahrzehnte, sondern vielleicht auch für mehrere Jahrhunderte getragen werden müssen. In dieser neuen Welt wird die Versicherung zu einem der wichtigsten Bereiche unseres täglichen Lebens – wichtiger als Facebook, Musik und Unterhaltung, Messaging und Gaming.