Insurtech-Insider: Robin Kiera

ONE ist stolz darauf, Teil der globalen Insurtech-Landschaft zu sein und die Zukunft von Technologie und Daten so zu gestalten und zu bauen, dass sie Innovationen und Mehrwert für das Leben aller Menschen liefert.
Natürlich können wir das nicht alleine. Es gibt viele ausgezeichnete Versicherungsunternehmen und Innovatoren, die unsere Vision teilen und wir glauben, dass es wichtig ist, externe Ideen, Meinungen und Erfahrungen zu fördern, um gemeinsam unser Ziel zu erreichen.

Wir haben Robin Kiera getroffen und uns mit ihm über die Zukunft der Versicherungen unterhalten.

Dr. Robin Kiera ist einer der Top-Versicherungsfachmänner in Deutschland und ein absoluter Insurtech-Insider. Er ist Sprecher, Autor und Blogger. In den vergangenen 12 Jahre hat er eine Menge Erfahrung in dem Bereich gesammelt. Neben großen Transformationsprojekten in Unternehmen, hilft er Startups bei der Skalierung und Optimierung ihrer Strukturen. Er arbeitete bei Firmen wie Allianz und Goodgame Studios.

Beschreibe die Zukunft der Versicherung in nur 3 Worten?

Digitales, kundenorientiertes Ökosystem.

Was beurteilst du den aktuellen Stand der Versicherungsbranche?

Auf den ersten Blick ist die Branche stärker denn je. Wir sehen traditionelle Versicherer mit rekordverdächtigen Einnahmen – trotz niedriger Zinssätze, Regulierungen und der Digitalisierung. Aber dieser erste Eindruck täuscht. Da ich bei mehreren etablierten Versicherern gearbeitet hatte, weiß ich, wie angespannt die interne Situation (vor allem technologisch, organisatorisch und kulturell gesehen) vieler Unternehmen ist.

Schauen wir uns den deutschen Markt genauer an: Hier konnte die meisten Versicherer in den letzten Jahrzehnten beeindruckende Erfolge vorweisen dadurch, dass sie sich voll auf den Verkauf fokussiert und ein großes Netzwerk an Vertriebsmitarbeitern und Maklern aufgebaut haben.

IT war nie Kern des Geschäftsmodells, sondern eher zuständig für Serviceabteilung und Kostenstelle. In einer Ära der Industrialisierung und der nicht vernetzten Datenverarbeitung führte dies zu großem Erfolg. Heute, wo sich die Kundenerwartungen geändert haben, wo digitalen Industrien auf dem Vormarsch sind und die digitale Vernetzung uns zahlreiche Möglichkeiten gibt, dem Kunden neue spannende Produkte und Dienstleistungen zu bieten, müssen die Versicherer sich technologisch, organisatorisch und kulturell modernisieren – und zwar radikal!

Der schnelle Aufstieg junger Insurtech-Unternehmen zeigt deutlich, dass traditionelle Versicherer den Markt nicht ausreichend bedienen. Der Aufstieg neuer Player beweist zudem, dass es ein Vakuum gibt. Auch wenn wir vielleicht noch keine radikalen Veränderungen auf dem Markt gesehen haben, wird bei einer tiefgreifenden Analyse klar, dass er langsam anfängt sich zu verändern. Auch die Reaktion einiger Versicherer zeigen das ganz deutlich.

Mein Fazit: Ich denke, die Branche war seit langem nicht so aufregend wie jetzt und wir werden in den nächsten Jahren drastische Veränderungen sehe – es wird jede Menge Verbesserungen für den Kunden geben und damit natürlich für die gesamte Gesellschaft.

Was sind deine Gedanke zu den neuen voll lizenzierten Full-Stack-Versicherern?

Wir sehen jetzt die zweite Welle der Insurtech-Unternehmen und die nächste Phase der Insurtech-Evolution. Zuerst sind einige mutige Gründer und Investoren in die Versicherungsbranche eingestiegen, indem sie sich auf einen kleinen Teil der Wertschöpfungskette oder eine bestimmte Nische konzentriert haben. Nun, nachdem bewiesen wurde, dass es ein Vakuum auf dem Markt gibt, sehen wir immer mehr voll lizenzierte Full-Stack-Versicherer.

Was hälst du davon, dass die neuen Versicherer mit einem MGA-Modell arbeiten?

Wir haben gesehen, dass einige spannende Insurtechs das MGA-Modell nutzen. Ich glaube, hier gibt es kein richtig oder falsch. Alle Ansätze werden zur Verbesserung der Industrie beitragen. Sobald Insurtechs die ein MGA-Modell verwenden, genügend Traction haben, werden sie auf lange Sicht voll lizenzierte Versicherer oder kaufen traditionelle Firmen als Shell-Versicherer auf.
Für die Versicherer wird es eine langfristige Überlebensstrategie sein.

Was die großen etablierten Versicherer angeht – was müssen sie tun, um in den nächsten 10 Jahren relevant zu bleiben?

Traditionelle Versicherer in fast allen Ländern, besitzen immer noch 99% des Marktes. Sie sind in einer sehr starken Position, denn neue Unternehmen müssen ihren Kundenstamm erstmal von Null aufbauen.

Ich habe manchmal das Gefühl, dass aufgrundes dieses Vorteils, alteingesessenes Versicherungsmanagement glaubt, dass Digitalisierung und Insurtechs einfach spurlos an ihnen vorbeiziehen werden. Wie so vieles was in den letzten 100 Jahren an der Versicherungsbranche vorbeigerauscht ist.

Aber diese Veränderungen sind anders als andere zuvor. Wir sehen neben einer radikalen Veränderung des Kundenverhaltens auch einen radikalen Umschwung in fast allen anderen Branchen.

Am Ende haben die Versicherer, genau wie die meisten anderen traditionellen Unternehmen, zwei Möglichkeiten: Entweder sich der Digitalisierung anzupassen und zu Tech-Unternehmen wie Google, Facebook oder Amazon zu werden.
Oder sie entscheiden sich dazu abzuwarten und zuzusehen und früher oder später in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden, weil andere Unternehmen ihren Kunden bessere Produkte und Dienstleistungen bieten.

Um den eigenen Untergang zu vermeiden, sollten traditionellen Versicherer, Technologien im Kern ihres Unternehmens platzieren und den Kunden neue (hauptsächlich digitale) Produkte und Dienstleistungen zur Verfügung stellen. Dadurch können sie auch die Produktivität und Automatisierung intern steigern, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

Was ich für wichtig halte:
Die radikale Einführung von sehr flexiblen Methoden und Prozessen in das Unternehmen, um schneller zu werden.

Die radikale Veränderung der traditionellen Top-Down- und Null-Toleranz-Kultur in eine fail-fast, fail-often und fail-cheap (scheitere schnell, oft und günstig) Kultur.

Radikal neuen Input für das Team liefern: die vorhandene Belegschaft intensiv schulen, wenn möglich das vorhandene Team mit Digital-Natives bereichern und massiv große Teile des aktuellen Managements (einschließlich Vorstandsmitglieder) durch junge, flexible Führungspersönlichkeiten mit Erfahrung in der digitalen Welt ersetzen.

Um ehrlich zu sein: Ich glaube, dass die etablierten Versicherer einen brillanten Ausgangspunkt haben. Wenn sie ihre jahrelange Erfahrungen im Risikomanagement – Terabytes an Daten und Professionalität – schnell mit einer radikalen technologischen, organisatorischen und kulturellen Umwandlung in ein digitales Tech-Unternehmen kombinieren können, könnten sie sich gegen junge Insurtech-Unternehmen durchsetzen.

Aus Kundenperspektive – was werden die großen Veränderungen in der Versicherungsbranche in den nächsten 10 Jahren sein?

Die Transparenz von Produkten und Dienstleistungen wird drastisch steigen, so kann der Kunde bessere und nachhaltigere Entscheidungen treffen. Unternehmen, die keinen neuen Mehrwert liefern, sondern auf Intransparenz setzen, werden verschwinden. Die Rentabilität wird wieder steigen und die Kunden werden niedrigere Preise erleben.

Versicherungen und Banken werden Kunden mit Produkten und Dienstleistungen versorgen – wie etwa Werkzeugen zur Finanzanalyse, automatisierten Finanztransaktionen und Finanzplanung – die heutzutage nur Unternehmen oder Familienbüros zur Verfügung stehen. Kunden erhalten einfacher und schneller Einblicke in ihr persönliches Risiko und ihre finanzielle Situation und vielleicht werden Themen wie Finanzen und Versicherungen nicht mehr nur notwendiges Übel sein, sondern tatsächlich wieder Spaß machen.

Wie sehen Sie die Verwendung und die Erhebung von Daten, die das Risiko und Garantien beeinflussen, in den nächsten 10 Jahren?

Daniel Schreiber (CEO von Lemonade Inc.) hat gerade auf dem Silicon Valley Insurtech Accelerator Summit betont, dass sein Unternehmen 6 Monate nach dem Start noch weniger genaue Risiko- und Schadensforderungs-Modelle besitzt als herkömmliche Versicherer. Er wies allerdings darauf hin, dass sie innerhalb der nächsten 12 Monaten besser sein werden, als die der meisten traditionellen Mitbewerber. Er verdeutlichte, wie sein Unternehmen zukünftig Datenanalyse und Big Data im Garantie-, Risiko- und Claimmanagement nutzen wird.

Ich habe das Gefühl, dass die Zukunft längst begonnen hat. Schon heute sind Insurtechs in der Lage, die Dinge zu tun, die in der Vergangenheit als unmöglich galten. In weniger als 10 Jahren werden wir Garantie-Prozesse in Lichtgeschwindigkeit abwickeln, unvorstellbare Risikobewertungen und eine Implosion von Versicherungsbetrug sehen. All das geht allerdings nur, wenn die Regulierungsbehörden nicht überregulieren.

Welche Rolle spielen Regulierungsbehörden in der Entwicklung und Innovation der Versicherungswirtschaft?

Deutschland hat eine der strengsten Regulierungsbehörden auf dem Planeten: Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Spitzname: Bafin).

Auf der einen Seite scheint die Bafin offen zu sein für neue Player, die dem Kunden bessere Produkte und Dienstleistungen versprechen. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass wir in den letzten Jahrzehnten massive Skandale hatten und Tausende von formellen Beschwerden von Kunden an die Bafin eingingen – ein großer Teil davon gerechtfertigt. Deshalb haben die Bafin und Agenturen in anderen Ländern ein Interesse daran, neuen Unternehmen eine Chance zu geben, wenn sie dem Kunden zugute kommt.

Andererseits ist es natürlich auch immer möglich, dass einzelne Regulierungsbehörden bestimmte Entwicklungen behindern, aber PSD2 in Europa hat gezeigt, dass Regulierungsbehörden auch die Tür für Innovationen öffnen können. Wer hätte vor ein paar Jahren gedacht, dass die Politik die mächtigen Banken dazu zwingen würde, ihre Systeme für jedermann zu öffnen?

Deswegen: vielleicht und hoffentlich werden die Regulierungsbehörden den Fortschritt im Interesse des Kunden unterstützen, genau wie im Finanzsektor.

Kunden wollen personalisierten Schutz. Diese individuelle Risikoanalyse und Preisgestaltung könnte allerdings mit der traditionellen Risikomessung der Gesamtgesellschaft im Widerspruch stehen. Wie glaubst du wird mit diesem Problem in den nächsten 5-10 Jahren umgegangen?

Sterbetafeln sind beispielsweise seit Jahrzehnten die Basis von Lebensversicherungen. In Zeiten von Big Data und detaillierter Datenanalyse kann ich nicht verstehen, warum Experten, wie etwa Aktuare bei traditionellen Versicherern, die Risikoanalyse nicht fundamental verändert haben.

Die Anwendung digitaler Big Data Analyse, personalisierter Schutz und individualisierte Produkte und Preise, könnte der Ausgangspunkte für eine Umwälzung der Branche sein. Das zu realisieren, ist aufgrund der Komplexität des Marktes, allerdings sehr hart. Nichtsdestotrotz das erste Insurtech oder Tech-Unternehmen, das diesen Code knackt und bessere Analysen und Risikoprognosen erstellt, wird den Markt nachhaltig verändern.

Mein letzter Punkt: Versicherung und die Finanzwelt waren noch nie so aufregend und voller Chancen wie heute. Lassen Sie uns den Moment ergreifen.